Der Hausbaum und die Biene

“Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.”                                                                                          Hermann Hesse anno 1919

Sehen sie sich bitte die Hauszeichnungen ihrer Kinder an. Ein gelbes oder grünes Haus, daneben der Laubbaum mit prächtiger Krone, Fenster mit Kreuzen drin und ein lustiger Weg, welcher die Haustüre öffnet. Ein Bild, welches sich auch die Werbebranche zunutze macht. Mit ihr natürlich auch die Politik. Kein Häuslbauer, Wohnungsbesitzer, Bauträger oder gar Hausverwalter hat jedoch Freude mit dem Laubbaum, macht er doch im Herbst nur Dreck. Dreck in dem die Kinder spielen, Dreck in dem Igel, Insekten, Wildbienen uvm. überwintern können. Dreck, welcher uns im Sommer vor der Hitze schützte, da er schützend seine Äste ausbreitete und uns einlud auf der Baumbank Platz zu nehmen.

Wir vernichten täglich rund 20ha Grund in Österreich. Vernichten sie indem wir Straßen und Häuser bauen, Hügel aufschütten, Gruben graben. Auch ich vernichte, verdichte und/oder versiegle wertvollen Grund & Boden für alle Ewigkeit oder zumindest für sehr, sehr lange Zeit. Eine schon sehr lange andauernde Kommunikation darüber findet tagtäglich in den eigenen 4 Wänden statt.

Da jedoch auch meine Kinder und ich gerne ein Zuhause habe und nicht das ganze Jahr über im Baumhaus nächtigen möchten, haben wir uns darauf geeinigt und verständigt, dass ich zumindest pro gebautem Haus einen mächtigen Laubbaum pflanzen werde. Dieser Baum wird ein Schild tragen, auf dem “Der Hausbaum” geschrieben steht. Dieser Baum wird anfangs klein und mickrig wirken und vermutlich erst ein / zwei Generationen im Nachhinein seine volle Pracht erlangen. Aber pflanzen werde ich ihn dennoch. Als Erinnerung dafür, dass die Natur auf dem Platz, wo sie später wohnen werden, schon da war, als sie noch mit den Mücken flogen. Und diese Erinnerung, so mein Wunsch, soll in ihnen so etwas wie Dankbarkeit für diesen Grund & Boden, welchen sie bewohnen, in ihnen wecken.

Und dort wo es möglich ist, werden wir einen Schritt weiter gehen und vor bzw. während der Bautätigkeiten Bienen ihre Arbeit verrichten lassen. Deren Nahrung – Honig, soll einen weiteren wertvollen Beitrag für die Erinnerung leisten. Diesen Beitrag erhalten sie gemeinsam mit ihrem Schlüssel zum neuen Heim. Wir hinterlassen unsere Fußstapfen, wir müssen dabei nicht alles zertrampeln. Ein Fußstapfen wird nach jeder Bauphase auch ihr Hausbaum sein, welchem in einem Film von Dieter Wieland so eindrucksvoll Raum gegeben wird. Vielleicht nehmen sie sich die Zeit…

Der Hausbaum